TEXTE (DEUTSCH)

Katharina Schnitzler, eine Forscherin im Dazwischen, konfrontiert uns mit der Wahrnehmung und unseren angenommenen Realitäten. Sie schafft Bildwelten, die auf subjektive Weise das menschliche Bedürfnis nach Lösungen erfüllen. In ihrer Arbeit überlagert sie unzählige Texturen, Farbschichten, Zeichnungen und Text. Es entstehen Gemälde – installiert, poetisch, tief, witzig, eng verwoben und dabei brutal und schön zugleich! 

Katharina Schnitzler ist eine Meisterin der Mischtechnik. Oftmals besteht der Hintergrund aus unzähligen Schichten. Da der Pinselstrich zu sehen ist und dieser in verschiedene Richtungen gezogen wird, entstehen Strukturen und Muster. Dabei unterstreicht Schnitzler die Materialität der Arbeit: manchmal ist es Stoff, manchmal erscheint es nur so, denn die Strukturen erinnern an Ausschnitte von Stoffbahnen. Häufig entsteht ein Gefühl von Raum. 

Im Vordergrund befinden sich manchmal zarte Zeichnungen, die bis in das Abstrakte gehen oder geometrische Formen, welche mit viel Farbe aufgetragen wurden. Aber auch graziöse Pflanzen oder ornamentale Verzierungen ergänzen die Komposition und erinnern an chinesische Malerei. 

Die Darstellung des „Dazwischen“ ist ihr künstlerischer Anspruch. Die Künstlerin Katharina Schnitzler bezeichnet sich als eine Forscherin im „Dazwischen“. Obwohl der Hinter- und der Vordergrund auch jeweils für sich stehen könnten, kommunizieren und harmonieren sie miteinander. 

„Ich möchte, dass meine Bilder vielschichtig sind, der Betrachter sie nicht leer sieht, sondern seine subjektive Wahrnehmung das Bild immer wieder verändert. Der Facettenreichtum allen Seins, beinhaltet Momente, in denen alles möglich scheint“ sagt Katharina Schnitzler über ihr künstlerisches Anliegen. 

Katharina Schnitzlers Werke strahlen eine subtile Zeitlosigkeit aus und beschäftigen sich mit den existenziellen menschlichen Themen wie Liebe und Glück, Schönheit und Freude, aber auch Trauer und Krieg 

von Viviana Kleinert

 

Die Dauer des Augenblicks 

von Lena Ampelakiotou (Geschenk von 1999)

In den Werken Katharina Schnitzlers ist das Erleben der Dinge des Lebens untrennbar verwoben mit einer Poesie des Augenblicks: Eintauchen in das Blau des Abendhimmels, der Duft des
vergangenen Sommers,  heitere Stimmen, vom Wind übers Gras geweht.  Diese Sehnsucht nach lichter Offenheit, nach Stille, zeugt von einer Hingabe an die Intensität sinnlicher Erfahrung im Fluß der Zeit. Das Wunderbare und Einzigartige verbirgt sich hinter den Dingen. Es wartet darauf enthüllt, vom Licht der Erkenntnis gestreift zu werden, sich zu offenbaren in frischer Farbe und Form. Ihre Freude an sinnlicher Erfahrung, am Gegenüber, am Spiel von Frage und Antwort, zaubert sie auf die Leinwand, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Gegen die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit, setzt sie das Staunen über den Reichtum der Schöpfung.  Mit allen Sinnen der Wirklichkeit zu begegnen, Inspiration im Hier und Jetzt zu finden, die tiefe Verbundenheit des Ich im Du zu entdecken, die Vision von Glück und Nähe aufrechtzuerhalten, das sind die Themen, die Katharina Schnitzlers Bilder prägen. Der Traurigkeit und Fragilität eines Schmetterlings, dem nur noch wenige Stunden bleiben, begegnet sie mit einer von Hoffnung durchdrungenen Suche nach Sinn und Wahrhaftigkeit – mit dem stillen Wissen um die Magie eines neuen Morgens.

2015 / 2016  Ausstellung 1000 Afrikaner in verschiedenen Städten
 

Text zur Ausstellung 1000 Afrikaner

 

Bilder von enternden Menschen vor den Küsten Europas, divergierende
Gefühle auslösend. Mitleid, Schrecken, Angst, Distanz. Bilder, die immer näher kommen, anfangen zu rühren im Brei ungelehriger Ressentiments. Hilflosigkeit, Unachtsamkeit. Hingucken. Weggucken. Wegnehmen. Geben. Helfen. Hilfe. Eigenleben.
Jede einzelne Geschichte ein Drama, ein Leben hinfortgespült in der Flut der großen Flüchtlingswelle. „nature morte“ erinnert an die Vergänglich - keit alles Hiesigen. Eine Ermahnung, die Schönheit der Welt durch ihre Sterblichkeit wahrzunehmen. Die Darstellung toter, bzw. regloser Gegenstände avancierte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden zum Prestigeobjekt. Ein Symbol der Reinheit als auch des Todes. Eine Bild - sprache auch für Individualität, Charakter und Zartheit – beseelt, voll Hoffnung, vergänglich und ungefährlich.
(Katharina Schnitzler)

 

Angespülte Schicksale. Weit weg von meiner Geschichte und doch so nah. So traurig, tragisch. Und … stopp – denn die Medaille hat zwei Seiten. So ist dein Lachen meins, so weit weg und doch so nah. Und bringe mich ein, reiche eine Hand, mache mein Herz auf. „1000 Afrikaner“ – ein Projekt von Katharina Schnitzler, unendlich abstrakt und zugleich so real.
„1000 Afrikaner“ ist das Schicksal Hunderttausender, aber auch das jedes einzelnen und schlussendlich auch das meinige. Das Überleben – das Reichen einer Hand, so schön wie der Tau auf der Blüte. Die Wurzel herausgerissen. Sie ist so unendlich begierig auf neue, frische Erde. Bereit zu wachsen. Das Bild – zwei Teile, wie Herz und Hand. Autonom und trotzdem verwoben. Ein Abbild mit Pflanze als Symbol für ein Schicksal, aber auch Aufruf, wach zu sein. Und da zu sein. Mehr nicht. Warum eine Galerie, warum ARTHERB so eröffnen? Weil es dran ist!
(Michael M. Marks)

2012​

Zur Ausstellung "Lügenlabor" in Jindrichuv Hradec erscheint ein Katalog

 

Lügenlabor von Marketa Ederova

Katharina Schnitzler bleibt auch in dieser Ausstellung ihrem Selbstverständnis treu: Sie ist eine „Forscherin im Dazwischen“. Und ein jeder Forscher braucht sein Labor – den Ort, wo er Experimente durchführt, Hypothesen bestätigt oder widerlegt. Wo er versucht, der Beschaffenheit der Welt auf die Spur zu kommen, sie zu verstehen. Ihr Labor hat die Künstlerin diesmal nach Jindrichuv Hradec verlegt. An diesem geschichts- wie geschichtenträchtigen Ort auf dem 15. Meridian – jener Linie, die unsere Zeit bestimmt – hat sich ihr eine neue Dimension des „Dazwischen“ eröffnet.
Nun sind Forscher eine seriöse Zunft. Die Ergebnisse ihrer Arbeit verdanken sie nicht einer Eingebung von oben, einem ekstatischen Zustand, sondern präzisen Erkundungen. Nicht die weit ausholende, die ganze Welt in einer Formel erklärende Geste des unsterblichen romantischen Genies, sondern die Präzision der Fragestellung, des Hinterfragens ist wichtig. Und an diesem Ort, dem Labor, diesem Heiligtum der Forscher als Wahrheitssuchende, arbeitet Katharina Schnitzler mit einem höchst subversiven Material: den Lügen.
Ist die Lüge nicht das Gegenteil von Wahrheit, sondern ein anderer Weg, um die Zusammenhänge und Vernetztheiten der Welt zu ergründen? Die Lüge im herkömmlichen Sinne wäre als Arbeitsmaterial wertlos, solange man sie in Opposition zur Wahrheit sieht, als absichtliche Verschleierung der einzig rechten Verhältnisse, als Täuschung. Die Lüge, die man in einer solchen Definition begriffen zu haben meint und im Würgegriff hält – Lüge mit so hochtrabender wie banaler Ambition, den Thron der Wahrheit besteigen zu wollen – taugt recht wenig. Subversives Material, also Material mit Sprengkraft, wird sie erst dann, wenn sie ergänzend zur Wahrheit fungiert, wenn Wahrheit als eine wirkliche Möglichkeit und die Lüge als eine mögliche Wirklichkeit gesehen wird. Das ist der von Robert Musil hoch über den Wirklichkeitssinn gestellte Möglichkeitssinn eines Menschen, der sich mit der Singularität der Wahrheit nicht zufrieden gibt: „Das Mögliche umfasst jedoch nicht nur die Träume nervenschwacher Personen, sondern auch die noch nicht erwachten Absichten Gottes.“ Die Lüge ist die Wahrheit im Plural.
Zur Zeit der Aufklärung, in der die Erkenntnis ausschließlich dem rationalistisch geprägten Weg gefolgt ist, wurden alle unartigen Wesen des Aberglaubens – also des Nicht-Wahren-Glaubens, des Lügen-Glaubens – aus den letzten schummerigen Winkeln vertrieben. Die Aufklärung war zweifellos eine große Befreiung des menschlichen Geistes. Aber hatte sie nicht auch den Verlust des magischen Zugangs zur Welt zur Folge? Ist die einseitige Lähmung, unter der wir seit unserer aufklärerischen Befreiung leiden, unumkehrbar? Sitzen wir in der Ratio-Falle? Wenn wir uns schon bereit erklären, an Wunder zu glauben, verharren wir in einer steifen Position und erwarten Zeichen – Zeichen, die objektiv sein sollen, damit wir sicher sind, dass es sich nicht um eine Auto-Suggestion handelt. Dubito ergo sum - man will ja nur ehrlich und aufrichtig mit sich selbst sein und bleibt dann doch in altem Gedankengespinnst gefangen.
Vielleicht könnte die Lösung so aussehen: Wir verlassen die Ebene der Wörter, die zu eindeutig scheint, als dass sie die Mehrdeutigkeit der Welt angemessen wiedergibt und begeben uns in das Reich der Bilder, in die wundervolle Welt des „Dazwischen“, in der Katharina Schnitzler irritierend und verführerisch ihre Wahrheiten lügt.

TEXT (ENGLISH)

Katharina Schnitzler, a researcher in In-between, confronts us with the perception and our accepted realities. She creates picture worlds which fulfil the human need for solutions in subjective manner. In her work she overlays countless textures, coats of paint, drawings and text. Paintings are getting created – installed, poetic, deep, funny, closely originate interweaved and, besides, brutally and nicely at the same time! Katharina Schnitzler is a master craftswoman of the mixing technology. The background often exists of countless layers. The brushstroke is to be seen and is pulled in different directions. This creates different structures and patterns. Besides, Schnitzler underlines the "Materialität" of the work: sometimes it is a material, sometimes it appears only in such a way, because the structures remind of cuttings of material roads. Often a feeling of space gets created. In the foreground there are sometimes tender drawings which go to the abstract or geometrical forms which were applied with a lot of colour. But also elegant plants or ornament ale decorations complement the composition and remind of Chinese painting. The representation "In-between" is her artistic claim. The artist Katharina Schnitzler calls herself a researcher in "In-between". Although the background and the foreground could also stand in each case for itself, they communicate and harmonise with each other. „I would like my  pictures to be multi-layered, the viewer does not see them empty, but his subjective perception changes the picture over and over again. The facet wealth of all being, contains moments in which everything seems to be possible“ Katharina Schnitzler says about her artistic concern. Katharina Schnitzler's works emit a subtle timelessness and deal with the vital human subjects like love and luck, beauty and joy, but also grief and war.

 

 

 

 

 

The duration of an instance

​Lena Ampelakiotou (gift 1999)

 

In Katharina Schnitzler's works the experiences of life are inextricably linked with the poetry of an instance: diving into the blue evening sky, the flavour of the past summer, mirthful voices, blown by the wind over the gras. This longing for broad openness, for silence, witnesses a devotion to the intensity of sensual experience in the move of time. The wonderful and unique is hidden behind the things. It's waiting to get exposed, touched by the light of perception, revealing in fresh colours and forms. The joy of sensual experience, of the counterpart, of the game with questions and answers makes her perform magic on canvas, to protect these joyful moments against being forgotten. She places the astonishment about the opulence of creation against flippancy and impermanence. Meeting reality with all senses, finding inspiration in the here and now, finding the deep connection from me to you, keeping the vision of luck and proximity, these are the topics that characterise Katharina Schnitzler's paintings. She is confronting the sadness and fragility of a butterfly who has only a few more hours left, with the search for sense and veracity, being steeped in hope - with the silent knowledge of a new morning's magic.

2015 / 2016  Personal Show 1000 Africans  in various cities
 

Personal Show 1000 Africans

 

Pictures of boarding people before the coasts of Europe, diverging ones
Feelings releasing. Compassion, fright, fear, distance. The pictures which get always closer start to touch in the mash of unreceptive resentments. Helplessness, inattentiveness. Look at. Look away. Take away. Give. Help. Help. Own way of life.
Every single history a drama, a life washed away in the flood of the big refugee's wave. "nature morte" reminds in transience of any being. To perceive an admonition, the beauty of the world by her mortality. The representation of dead, or motionless objects rose in the 17th century in the Netherlands to the prestige object. A symbol of the cleanness as well as the death. A pictorial language also for individuality, character and delicacy – inspired, full of hope, transient and safely.
(Katharina Schnitzler)

 

 

Alluvial destinies. Far from my history and however, thus near. So sadly, tragically. And … stop – then the medal has two sides. Thus your laughter is mine, as far as away and however, thus near. And introduces me, reaches a hand, opens my heart. „1000 Africans“ – a project of Katharina Schnitzler, infinitely in the abstract and at the same time so real.
„1000 Africans“ is the destiny of hundreds of thousands, but also that of every single and finally also mine. The survival – the giving of a hand, as nicely as the dew on the blossom. The root torn out. She is so infinitely eager of new, fresh earth. Ready to grow. The picture – two parts, like heart and hand. Autonomous and, nevertheless, interweaved. To be awake an effigy with plant as a symbol for a destiny, but also call. And to be there. Nothing else. Why a gallery, why ARTHERB opening this way? Because it is in it!
(Michael M. Marks)

2012

​b

Catalogue of the exhibition "Lie Laboratory" in Jindrichuv Hradec

Laboratory of lies, by Marketa Ederova

In this exhibition, Katharina Schnitzler remains true to her convictions: she is an “investigator of the in-between”. And every investigator needs a laboratory, a venue where experiments are carried out, hypotheses proven or falsified. Here the artist tries to explore the nature of the world, to understand it. This time Katharina moved her laboratory to Jindrichuv Hradec. In this location on the 15th meridian, the line which determines our time, a new dimension of the “in-between” has opened up to her.
However, investigators tend to be serious people. The fruits of their labour don’t tend to be due to divine inspiration or ecstatic states, but instead are a result of careful exploration.  It is not the immortal romantic genius who tries to explain the world with a single, all-encompassing formula. Instead, what is essential is the precision of the question asked, the probing. And in this place, this laboratory, this holy place for the searcher of truth, Katharina is working on quite subversive material: on lies.
Rather than representing the opposite of truth, aren’t lies simply a different approach to explaining the world’s interdependency and interconnectivity? In their original meaning as opposites of truth, as the intentional disguise of reality, as deception, lies would be useless objects of study. The lie that one believes to have captured, almost throttled, in this fashion, which tries to climb the throne of truth in this ambitious as well as banal way, does not amount to much. The lies will only become subversive material, that is material with explosive potential, when it supplements truth, when both truth and lies are viewed as real possibilities or possible realities. This is what Robert Musil, who was unsatisfied with the singular meaning of truth, has called the sense of possibility, which he considered to be situated well above the sense of reality. “The possible does not only include the dreams of mentally weak people, but also the not yet awakened intentions of God”. In reality the lie represents the plural of truth.
During the Enlightenment, when truth was obtained through rational reasoning, all naughty creatures of superstition – the believers in lies – were chased from the last remaining dark corners. Without any doubt the Enlightenment represented a big relief for the human spirit. But did it not also result in the loss of a more mystical approach to the world? Is the unilateral paralysis from which we suffer since the Enlightenment irreversible? Are we caught in a “rational trap”? And if we do agree to believe in miracles, we remain in a stiff and hardened position, waiting for signs, signs that are meant to be objective so that we can rest assured that they are not auto suggestive. Dubito ergo sum – one only wants to be honest and truthful to oneself and yet one still remains trapped in an old fashioned network of thoughts.
Perhaps the solution could look like this: we leave the realm of words behind as it is too one-dimensional to adequately explain the ambiguities of the world, and we move into the kingdom of images, into the wonderful world of the “in-between”, in which Katharina Schnitzler is lying her truths, irritatingly and seductively.